Zu den Arbeiten
Doris Titze

Eisen 1984
o.T. Eisen 73,8x32,4 cm 1984
Zeichnen als uraltes Spiel von Linie und Grund, von Bewegung und Gegenbewegung, laesst koerperhafte Gebilde entstehen und sich wieder entziehen. Linien buendeln und loesen sich, bilden Raeume und Formen. Im Dialog mit den Zeichnungen im Moment ihres Entstehens entwickelt sich das Bild. So schreibt Lothar Romain: 'Zeichnen bedeutet fuer Doris Titze immer einen dialektischen Prozess: Entdecken und Zeichen setzen und die gewonnenen Erfahrungen als Formulierungen wieder zur Disposition stellen.'1 Man kann mit den Augen in den Linien wandern und das Wachsen der Zeichnung nachvollziehen. Jede Linie bestimmt spuerbar das Bild mit, wie Nicoletta Torcelli Goethes Sprachbild fasst: 'Auch ein einzelnes Haar hat seinen Schatten.'2

Ein Wechsel des Mediums ist oft notwendig, einer bestimmten Vorstellung zu folgen. In den Zeichnungen liegt die Bewegung innerhalb des Blattes; die Beweglichkeit der Objekte dagegen ist real. In den Metallarbeiten sind die Formen selbst praezise und klar umrissen; die Liniengeflechte verdichten sich zur Flaeche. Es sind Halbkreise, zu Dreiecken geklappt und Spiralen, die sich symmetrisch oeffnen und schliessen. Waehrend die Zeichnung waechst, erfaehrt das Objekt eine Begrenzung. Grundformen wie Kreis, Dreieck, Spirale werden individualisiert. Raeume bilden sich so auch in der Phantasie der Betrachtung.

Umgekehrt suchen individuelle Figurationen nach allgemeinen Formen, fixiert die Fotografie fluechtige Momente. In den Portrait-Erkundungen der immergleichen Fotografie konkretisiert sich Farbe figurativ und hinterfragt die eigenen Bilderwartungen. Farbflaechen bilden Raeume; konkrete Linien setzen Bezuege. Hanne Weskott schreibt hierzu: 'Doris Titze sucht so etwas wie eine Ordnung, die dem Chaos noch genug Raum bietet, dass ein Spannungsfeld entsteht. ... Raum ist bei ihr nicht das Ergebnis einer Konstruktion. Der Raum ist da, erhaelt aber erst durch ihre Arbeit eine Struktur, so dass er sichtbar wird. ... Das Spannungsmoment liegt in dem aeusserst prekaeren Gleichgewicht zwischen Linie, Flaeche und Farbe.'3

Sobald ich eine Linie auf einem Blatt ziehe, schaffe ich einen virtuellen Raum in der Flaeche. Eine Linie fuehrt ins Unendliche, kann einen Horizont andeuten oder schliesst sich zur Form. Sie schreibt eine dreidimensionale Bewegung flaechig in das Blatt.

Zitate: 1 Lothar Romain 1985, Katalog; 2 Nicoletta Torcelli 1999, Katalog; 3 Hanne Weskott, Ausstellung Bruckmühl 1999
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