Zu den Arbeiten
Doris Titze

Eisen 1984
o.T. Eisen 73,8x32,4 cm 1984
Zeichnen als uraltes Spiel von Linie und Grund, von Bewegung und Gegenbewegung, laesst koerperhafte Gebilde entstehen und sich wieder entziehen. Linien buendeln und loesen sich, bilden Raeume und Formen. „Hat man eine Zeichnung erst einmal begonnen“, so Kentridge, „gibt es ein Gespräch zwischen dem, was darin er-scheint, und dem, wovon man sich vorstellt, dass es erscheinen wird. Die Zeichnung wird zu einer Membran zwischen der Welt und einem selbst.“ meint William Kentridge. Im Dialog mit den Zeichnungen im Moment ihres Entstehens entwickelt sich das Bild. So schreibt Lothar Romain: "Zeichnen bedeutet fuer Doris Titze immer einen dialektischen Prozess: Entdecken und Zeichen setzen und die gewonnenen Erfahrungen als Formulierungen wieder zur Disposition stellen." Man kann mit den Augen in den Linien wandern und das Wachsen der Zeichnung nachvollziehen. Jede Linie bestimmt spuerbar das Bild mit, wie Nicoletta Torcelli Goethes Sprachbild fasst: "Auch ein einzelnes Haar hat seinen Schatten."

Ein Wechsel des Mediums ist oft notwendig, einer bestimmten Vorstellung zu folgen. In den Zeichnungen liegt die Bewegung innerhalb des Blattes; die Beweglichkeit der Objekte dagegen ist real. In den Metallarbeiten sind die Formen selbst praezise und klar umrissen; die Liniengeflechte verdichten sich zur Flaeche. Es sind Halbkreise, zu Dreiecken geklappt und Spiralen, die sich symmetrisch oeffnen und schliessen. Waehrend die Zeichnung waechst, erfaehrt das Objekt eine Begrenzung. Grundformen wie Kreis, Dreieck, Spirale werden individualisiert. Raeume bilden sich so auch in der Phantasie der Betrachtung.

Umgekehrt suchen individuelle Figurationen nach allgemeinen Formen, fixiert die Fotografie fluechtige Momente. In den Portrait-Erkundungen der immergleichen Fotografie konkretisiert sich Farbe figurativ und hinterfragt die eigenen Bilderwartungen. Die Farbräume sind diffus; konkrete Linien setzen Bezüge. Hanne Weskott schreibt hierzu: "Doris Titze sucht so etwas wie eine Ordnung, die dem Chaos noch genug Raum bietet, dass ein Spannungsfeld entsteht. ... Raum ist bei ihr nicht das Ergebnis einer Konstruktion. Der Raum ist da, erhaelt aber erst durch ihre Arbeit eine Struktur, so dass er sichtbar wird. ... Das Spannungsmoment liegt in dem aeusserst prekaeren Gleichgewicht zwischen Linie, Flaeche und Farbe."

Sobald ich eine Linie auf einem Blatt ziehe, schaffe ich einen virtuellen Raum in der Flaeche. Eine Linie fuehrt ins Unendliche, kann einen Horizont andeuten oder schliesst sich zur Form. Sie schreibt eine dreidimensionale Bewegung flaechig in das Blatt. Wenn wir Bilder schaffen oder betrachten sind wir gegenwärtig. Die Gegenwart dauert ca. 3 Sekunden meinen Gehirnforscher wie Ernst Pöppel und Daniel Stern. Doch Aleida Assmann schreibt: „Die Gegenwart ... dauert deutlich länger als der abstrakte und nicht erlebbare Kippmoment des Jetztpunktes, an dem die Zukunft in Vergangenheit umschlägt.“ Und Thomas Fuchs: „Die implizite Zeit ist die Zeit, die wir selbst sind; die explizite Zeit, ist die Zeit, die wir haben.“ Es ist die Eigenzeit, in der wir uns auch dann befinden, wenn wir Kunst schaffen oder betrachten. Eine Linie ist die direkteste Form einer Bewegung auf dem Blatt und schafft gleichzeitig Distanz und Abstraktion.

Lit: Assman, A. Wie lange dauert die Gegenwart? Sieben Versuche, sich einem flüchtigen Phä-nomen zu nähern 26.02.2015; Fuchs,T. Zeiterfahrung in Gesundheit und Krankheit. Psychotherapeut 2015; 2: 102–109;Kentridge W. Thinking aloud. Gespräche mit Angela Breidbach. Köln: Walther König 2005; Romain, Lothar. Katalog Doris Titze 1985; Torcelli, Nicolette. Katalog Doris Titze 1999; Weskott, Hanne, Ausstellungseröffnung Bruckmühl 1999; https://blog.berlinerfestspiele.de/­wie-lange-dauert-die-gegenwart/­ abgerufen 14.08.2019;
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